OFT FERROPOLIS 09.09.06

Von der belgischen fast an die polnische Grenze. So ähnlich fühlt sich wohl der Fan, der Standard Lüttich bei Gornik Szabrze supporten will. Was für eine Route.

Da eine lineare BAB Verbindung durch die Republik in diesem "verquerten" Kurs nicht existiert, wechseln wir die Autobahnen wie einst der W. seines Bass Sounds. Oft, aber ungemein effektiv. Zumindest erreichen die ausgedruckten Bögen des Routenplaners den Umfang einer Doktorarbeit.

Wir tanken in einem ehemaligen, zur mannigfaltigen Versorgungsstation für Autofahrer umgebauten Grenzgebäude einer nicht mehr existierenden Demarkationslinie. Der schwer lastende düstere Charme des Anwesens steht urplötzlich ganz im Banne einer wohl ähnlich drastischen Sprache wie der von vor 1989.

Allerdings mit martialischer Musik Untermalung. "Mein Herz Brennt" von Rammstein dröhnt volles Rohr aus den komplett geöffneten Fenstern des Bullis. Da fast alle Insassen - teils auch noch mit freien Oberkörpern - leicht feixend aber laut mitröhren, ist die Wirkung unter dem Dach der Station recht effizient. Die Blicke der Anwesenden schwanken zwischen Betroffenheit, Angst, Ablehnung und ungläubigen Staunen. Tattoos in dieser Dichte machen in dieser Verbindung offensichtlich ungewollt Angst. ENKELZ als Bürgerschreck, köstlich.

Natürlich sind auch einige da, die sich das breite Grinsen nicht verkneifen können. Was könn´n wir denn dafür, daß wir so schön sind..? Nach einigen als nett verstandenen Gesten entspannt sich die Stimmung merklich.

Wir brettern bestens gelaunt durch die schöne Landschaft und erfahren ein ums andere mal bei mittlerweile AC/DC Beschallung die Krise im Namen des AD/AC. Was sich da an Gefährten im zweistelligen Dutzend Bereich alles so auf der Rennstrecke bewegt, ist mit dem Begriff abenteuerlich nur annähernd erklärt.

Nichts gegen Improvisationsbereitschaft, ein mit Bänzel festgezurrter, karibisch swingender Auspuff hat ja durchaus seinen Reiz a la "Die Sendung mit der Maus", aber einige der wild schlingernden Mischpoken erinnern stark an jenen Esel, der sich auf das vom Volksmund so oft zitierte (BAB) Glatteis begibt.

Ein, sagen wir mal ehemaliger LKW buckelt einen Kleintransporter, auf dessen offener Ladefläche ein offensichtlich leicht angetrunkener Kühlschrank sich verliebt schwankend einem sich noch zierenden Rasenmäher zu nähern gedenkt.

Teile eines ehemaligen Verandadachs aus gewelltem Plastik geraten dank allzu läppischer Verzurrung geradezu in Ekstase und knattern ohrenbetäubend im MG Salven Tempo gegen die sich nicht wehrenden, halbhohen Wände einer verkehrstechnisch arg missglückten Anhänger Konstruktion. Alter äh, Schwede? Nö....

Die Absage an jegliche Sicherheitsrelevanz der zu 95% Oberlippen bebärteten Fahrerfraktion ist zugleich bewundernswert als auch beängstigend. Völlig losgelöst, doch in der Spur, auch ohne Valium…. Thüringisches Hardcore Driving in Reinkultur.

Linker Hand inszeniert ein anonymer Naturromancier einen Bilderbuch Sonnenuntergang in Postkartenqualität par Excellance. Alles wirkt kurzfristig indigo bis blutrot harmonisch überflutet.

11 bis 99 Atemzüge weiter oder einen Gedanken später folgt – kristallin frostig wirkend – eine weitsichtige Dunkelheit, die die Landschaft kurzfristig als fast schon professionell „verfinstert“ ausgeleuchtete, adäquate Kulisse für 3D-Filme jedweder Thematik versinnbildlicht.

Das transzendental wirkende Sonnenspiegelbild eines Erdtrabanten auf der anderen Seite des Asphaltwurms schält sich quälend langsam in wiederum genial colourierten Nuancen als fast unnatürlich riesiger Mond mit wie gemeißelter Kraterlandschaft aus dem Horizont, um kontinuierlich steigend das Szenario ein zweites mal irreal krass auszuleuchten.

Ein glasklares, absolut irres Farbspektakel. Die schwarzen Silhouetten unzähliger, mit noch „röteren“ Positionsleuchten versehenden Windräder erzeugen einen komplett surrealistischen, fast mystisch sphärischen Gesamteindruck für Auge und Gemüt.  „Die Schönheit eines Augenblicks“ mit Verwelken ohne Elend. Mental metaphysisches Movement zwischen Märchen und Mushroom.

Richtig gestaunt im irdischen Realismus wird dann allerdings in Ferropolis. Letztes Jahr noch eher ein „Festchen“ mit dem Charakter einer privaten Fete von „einigen Hundert“ (Siehe Tagebuch vom 27.8.05), entpuppt sich das OFT heute als potenter Vorreiter eines vitalen Quantensprungs. Keine Frage, das „Baby“ ist in nur 12 Monaten erwachsen geworden.  

Für ein Erfrischungsbad nach 9 Stunden Fahrt im bestens erinnerten See ist es leider zu kalt, außerdem „die (Tages)Zeit ist ein Dieb“.

Es folgt die Einweisung des Band Bullis auf das abgegrenzte Gelände durch die kompetente Secu, Berechtigungsarmbänder sind sofort verfügbar inkl. Briefing was wo ist und wie es weiterhin ablaufen soll. Klare Ansagen bezüglich der exakt pünktlich eingehaltenen Running order, Vorstellung des Stage Managers, Ankündigung an den Catering Bereich, dass wir was Warmes zum Futtern bekommen. Bitte gleich mitteilen, welche Getränke wir für den Auftritt benötigen usw. Alle Achtung, das macht Sinn.

Bühne, Licht- und Tonanlage sind um etliches voluminöser als 2005. Auch die Anzahl der Infizierten hat sich vervielfacht. Eine genaue Zahl ist – auch wegen der Dunkelheit – schwer zu schätzen. Aber 5 ½ .Tsd. Hörige plus Einiges darüber sind es allemal.

Das Personal ist engagiert, rundherum freundlich. Der nicht erwartete Andrang mobilisiert offensichtlich zusätzliche Kräfte zwischen Überarbeitung am Limit und Glücksgefühlen ob des Erfolges. Mann/Frau – soweit von 2005 bekannt – begrüßt sich ausgesprochen herzlich. Es brummt spürbar vor positiver Energie.

Obendrein erhalten die ENKELZ mit den SUBS (Sub7Even) noch je einen eigenen Backstage Bereich mit WC´s, Duschen und kleinen Aufmerksamkeiten im separaten Haus neben der Fan Disco und dem heftig frequentierten „VIP“ Bereich im oberen Stockwerk über dem Verpflegungstrakt.

Wir fühlen uns rundherum wohl und, äh…, nicht mal minimalistisch die Spur arrogant.

Während das BO erprobte Quartett aus Dortmund bestens bejubelt ihre „Lovechains `n Rockets“ sprengen/zünden, platzieren die Herren Crew ENKELZ ihre backline erstmal auf dem kalten Asphalt direkt neben der Bühne.

Der Umbau verläuft professionell, kurzer Linecheck, die zeitlich limitierte Show kann beginnen. Limitiert, weil nach uns noch eine andere Band spielt. Wir haben es abgelehnt Headliner zu sein, sind nicht um einer tumben Eitelkeit Willen bereit, weit nach Mitternacht die Bühne zu entern.

Die Stimmung der bunt gewürfelten Meute ist friedlich losgelöst/geböhst, feierwütig und ausgesprochen voll von inbrünstiger Hingabe in eben „diese Lieder“. Die gesichteten T-Shirts reichen von Slime, Dropkick Murphys über AC/DC bis Motörhead und Puhdys. Das sagt wohl eine ganze Menge aus.

Sicherlich hat es im Vorfeld dieses Wochenendes einige unschöne Dinge in Sachen missverstandenem „Merchandising“, ein paar fehlgeleiteter Kreaturen und anfangs nicht zufrieden stellender Handhabung in der überstrapazierten Geduld des Mobs gegeben. Wir haben davon allerdings nur aus dem Internet, bzw. durch wenige „Mundpropaganda“ erfahren und werden demzufolge auch nicht glaubhaft darauf eingehen können und wollen. Jedoch hat der wegen des überraschend großen Zuspruchs anfänglich überforderte Veranstalter umgehend reagiert und klare Ansagen für die Zukunft verlauten lassen. Nur das zählt.

Insofern sollte jeder Einzelne der Denunzianten und destruktiven Lästermäuler, die dieses OFT gerüchteweise – aus welchen Gründen auch immer – in die „rechte“ (oder was ihr dafür haltet) Ecke stellen wollen, tunlichst die verwerflichen Schnauzen halten. Siehe, bzw. höre BO CD/LP „Heilige Lieder“, Lied 15, Bonus Track, wie Be True! Comprendre?

 Zurück zum Geschehen: Beste Laune pur, Pogo intensiv, diverse Zugaben im Rahmen der 2 stündigen, zeitlichen Begrenzung.

Die nach uns auftretende Band heizt immerhin noch knapp der Hälfte des Publikums recht ansprechend ein.

Die Open Air Saison 2006 ist für die ENKELZ zu Ende. Sieben Auftritte unter freiem Himmel haben – bei teils sehr unterschiedlichen Bedingungen – unterm Strich jede Menge Spaß für Bande und Meute gebracht. Zumindest in Sachen Spielfreude und Publikumsresonanz. Den kneifenden Schuh der umstandshalber faktisch bedingten Punktabzüge und organisatorischen Relegationsspiele ziehen sich bitte nur Diejenigen an, die sich angesprochen fühlen sollten…...

Ferropolis ist ohne Zweifel ein in dieser Form vorher nicht für möglich erachteter, würdiger Abschluss. Fazit: Respekt und Danke. Gerne wieder.

Was bleibt ist die Frage, warum an EINEM Wochenende ZWEI Veranstaltungen im Erbe von BO gleichzeitig stattfinden. Aus ENKELZ Sicht lediglich eine Feststellung, aber mitnichten eine „Schuldzuweisung“ an die Initiatoren. So arrogant sind wir denn nun doch nicht….

 Trotzdem ist es bitter, wenn sich A und B untereinander die Zuhörer/schauer, streitig machen. Mal abgesehen von den „Gewissensnöten“ der Infizierten.

Unabhängig davon gibt es trotzdem total Beknackte, die beide Open Airs mitmachen. So wie die ENKELZ. Was zählen da schon 1.800 Km auf dem Tacho.

Die befremdlich bedenkliche BOreitschaft besteht bestenfalls nur darin, daß wir es wieder tun würden.

Die angemahnte Überdosis vor der Therapie lässt grüßen.

Knutzen